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Kastensystem = kultureller Niedergang

Ich habe nichts gegen Fremdwörter. Unter Hedonismus kann sich jeder etwas vorstellen, aber was soll "affektiver" Hedonismus sein? Hedonismus beruht auf Affekten, das Attribut "affektiv" ergibt nur Sinn, wenn sich eine Verneinung oder Gegensatz bilden ließe. Mithin eine Dopplung oder auch Tautologie von mir aus.
Ich habe auch nichts gegen sprachliche Ausrutscher oder eine Stilblüte da und dort, aber etwas dagegen, wenn man sie laufend produziert und sich gleichzeitig als Gralshüter einer "verfallenden" Sprache aufspielt. Zumal, wenn man als Distinkionsmerkmal einzig und allein eine Akkumulation von Fachtermini postuliert, um es mal unschön auszudrücken.
Das hat auch nichts mit Geschmack zu tun, jeder Rhetorikprof oder auch Philosoph mit ein wenig Sprachveranwortung würde den Rotstift garnicht mehr aus der Hand legen bei dem Geschreibsel.
Im Grunde spricht aus alldem (auch der in meinen Augen äußerst kruden Philosophie) ein verkrampfter Drang, irgendeiner Elite anzugehören, sich irgendwie abzuheben, eine womöglich so empfundene Nichtigkeit des Lebens zu kompensieren. Im Ausdruck gleichst du dabei einem Klavierspieler, der feststellt, dass er ein bisschen flinke Finger besitzt und fortan die Musik mit unsauberen Läufen zukleistert. Virtuosität ist aber noch etwas ganz anderes als künstlerischer Geschmack.
Und warum solltest du mir da nicht glauben? Auch Cf hat doch schon einige deiner Satzkonstruktionen und Begriffsunschärfen entlarvt. Schalte einen Gang zurück in Heroismus und sprachlicher Verstiegenheit!
 
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Affektiver Hedonismus - Rationaler Hedonismus. Man kann dem Hedonismus entweder aus Unwissen verfallen oder ihn nach rationaler Überlegung wählen. Ob ich überhaupt bezwecke, mich mit meiner Sprache zu distinguieren, ist, zunächst einmal, eine willkürliche Hypothese. Die Begründung meiner "Fremdwortakkumulation" liegt primär ja in der besseren Mitteilbarkeit.
Womöglich hast Du Dich in Deiner konträren philosophischen Sicht aber auch so sehr darauf fokussiert, mich anzugreifen, dass Du den vermeintlich manieristischen Fremdwortgebrauch derart betonst, dass dies zur Ignoranz der Gesamtheit meiner Formulierungen führt.
Coeur Froid weist sicherlich gute sprachliche Fähigkeiten auf, unsere Missverständnisse wären jedoch ausgeblieben, wenn ihnen durch aufmerksameres Lesen vorgebeugt worden wäre.

Deine Annahme, ich versuche einer Avantgarde anzugehören, die Nihilismus durch narzistische Selbstdistinguierungstheorien kompensieren möchte, sind an den Haaren herbeigezogen.
Wo doch in meiner Philosophie der Nihilismus mit Verachtung bedacht wird. :)
Du tätest besser darin, Dich mit der eigentlichen Thematik, anstatt mit absurden Schlüssen aus dem ein oder anderen Fremdwort, zu befassen.
 
Immer wieder wird auf eine Metonymie verwiesen: Evola. Was sagt uns dieser Name? Was wird es mir gebracht haben, das angegebene Buch gelesen zu haben, wenn doch die Diskussion hier stattfindet? V.a.: Gibt es verlässliche Schlüsse, die aus dem angegeben Buch gezogen werden können? Schliesslich beurteilt man ein Buch, ein Name, indem man sich der vermeintlich im Niedergang begriffenen Sprache bedient, die wir alle beherrschen und von der wir alle beherrscht werden. Ein Urteil – ein richterliches Wort – nimmt dort seinen Anfang, wo der Name aus sich heraus tritt, um etwas ausser sich zu bezeichnen, und also der Abstraktion verfällt. Da Gewalt im Bereich der Sitte zunächst anzusiedeln ist (es macht keinen Sinn, im abstrakten Begriff Natur Gewalt aufspüren zu wollen – die unendliche Totalität und Statik, die dem Begriff Natur anhaftet, ist m.E. ungeeignet, um sich dem Begriff Gewalt zu nähern), ist der Schritt zur Sprache bereits getan: Sprache als Mittel zum Zweck verfehlt Gerechtigkeit (ex negativo definiert). Dies alles schreibe ich nur, um einige Vorbereitungen getroffen zu haben, die es eventuell ermöglichen, sich Bewegungen, die sich in den bislang geschriebenen Texten vorfinden, zu nähern. Zurück also zur Gewalt und der Gerechtigkeit. Auch Entscheidungen haben es mit diesen beiden Begriffen zu tun, v.a. wenn bedacht wird, dass Entscheidungen Urteilen und richterlichen Sprüchen analog zu begreifen sind. Eine Interpretation (hierzu zähle ich Übersetzungen, Deutungen, Verwendung von Sprache überhaupt, die sich signifikant äussert) hat sich etwas zu bedienen: Sprache: – doch einer inkommensurablen Sprache nur, deren Grenzen in ihrem sprachlichen Wesen selbst nur abgesteckt sein können (sprachliches Wesen als Signifikat, das mit der signifikanten Bezeichnung bezeichnet werden will und insofern nicht bezeichnet werden kann, als bloss eine beschränkte Anzahl einer inkommensurablen Menge an Signifikanten dafür zur Verfügung steht, die dasselbe Problem haben). Wie kann also jemand, der sich innerhalb dieser Aporie nur befindlich wissen kann, mit Gewissheit rein destruktive Bewegungen wahrnehmen wollen (siehe folgendes Zitat)?

kaismoessner schrieb:
Aufgabe der Kasten und der Hierarchie sollte sein, eine affektive Destruktivität zu vermeiden. Die Askese stellt hier nicht etwa Selbstgeißlung sondern vielmehr die Vernunft dar, Triebe dort unter Kontrolle zu halten, wo sie sich negativ auswirken.

Wenn wir Bewegungen in diesem Text uns vornehmen, erscheint uns zunächst klar, dass er vom Niedergang spricht. Ausserdem lebt er von Oppositionen: Eudämonie – Destruktivität; Vernunft – Triebe/Affekte; positive Auswirkungen – negative Auswirkungen (ich erinnere an die obigen Ausführungen zum richterlichen Wort, das in der Bibel rund um den Baum der Erkenntnis und den Sündenfall thematisch anzusiedeln ist). Jede Feststellung, jede Entscheidung (ohne sie könnte keinem festgehaltenen Umstand Gerechtigkeit widerfahren) wird vom Unentscheidbaren heimgesucht, d.h. jede Entscheidung muss sich dem Unentscheidbaren stellen (da sie sich auf etwas absolut Singuläres zu beziehen hat). Das Unentscheidbare ist das, was jeder gerechten Entscheidung vorausgehen muss: das Unendliche, das Totale (das Wissen schlechthin, die Totalität der Sprache, das freie Signifikat). Eine Entscheidung, die sich nicht am Unentscheidbaren misst, wäre keine freie Entscheidung mehr, sondern nichts weiter als eine programmierbare Anwendung oder ein berechenbares Vorgehen. Sobald eine Entscheidung und ein Urteil (etwas ist „äffisch triebhaft“, „affektiv“, „destruktiv“, „negativ“) gefällt wurden, muss es sich der Prüfung des Unentscheidbaren unterzogen haben; doch hat sie so eine Regel befolgt (das, was als Unentscheidbares betrachtet zu werden hatte, wurde ein Entscheidbares und hinter sich gelassen, indem ihm nicht gerecht wurde) und sich eine neue Regel vorgeben, die sie abermals zu überprüfen hat: gerecht ist sie so dem Vergewaltigten in der Gegenwart nicht geworden („vergewaltigt“ taucht hier mit Verweis auf die Ausführungen zu Beginn auf).
Somit lässt sich also alles umdrehen: Solange es Ungleichheit gibt (und Kasten zielen darauf ab), kann Gerechtigkeit in der Gegenwart nicht anwesen. Völlig unentscheidbar ist es folglich für jene, die sich selbst (kastenmässig) über andere erheben (richterlich), ob etwas „pervers“ oder „verachtenswert“ ist (siehe folgendes Zitat):

kaismoessner schrieb:
In der Arbeitermoral ist wohl die pervertierteste Form des Impetus nach "Wohlstand" zu sehen. Die äffische Triebbefriedung (welche, vergessen wir nicht Mittel und nicht Zweck selbst sind) schiebt sich vor die Eudämonie des Menschen als Individuum - verachtenswert.

Ich merke, dass mein Post langsam aber sicher anwächst und anwächst, dabei hätte ich noch viel zur neuen Opposition „Technik“ – „Natur“ zu sagen, die im Text aufgestellt wird. Technik ist Mittel zum Zweck, so wie auch die Verwendung von Sprache mittelbar geschieht: der Bereich der Sitte und des Zusammenlebens ist also von Technik unmittelbar durchdrungen. Über den richtigen Umgang mit der ‚Natur’, die als Abwesendes (ex negativo) postuliert wird, lässt sich nur im Bereich der Technik, der Sitte, der Mittel entscheiden. Da aber, wie gesagt, selbst dieser Bereich einem nicht als Mittel zu Zwecken zur Verfügung steht, sondern vielmehr dieser unmittelbar seine Grenzen inhärent inkommensurabel selbst nur abstecken kann, ist der diesen Bereich scheinbar transzendierende Standpunkt des 'Kastenmenschen' wohl ein ziemlicher Trugschluss.
Im mir vorliegenden Text folgen Argumentationen zu einem ebenso vorgehenden Ästhetizismus („der Mensch ist Teil der "Umwelt", kann jede Sekunde Leben genießen, sieht die Schönheit in jedem Blatt und jedem Grashalm (…)“) und einer Askese, die totale Herrschaft über den anderen anstrebt (‚natürlich’ in völliger Selbstaufgabe, die mit dem Prädikat „Liebe“ versehen wird :„Durchlässige Kasten sollen den Weisen, den der Obiges 'erkennt' an die Position führen, von wo aus er die Gemeinschaft der Menschen die er liebt, wie könnte er anders ?, bestmöglich unterstützen kann" – auch die vorgängige Beschreibung eines „Altruismus“ aus dem „Egoismus selbst heraus“ reiht sich in die Intention dieses Textes: erst die absolute Herrschaft über sich selbst ermöglicht die vermeintlich gerechte Herrschaft über andere: Michel Foucault u.a. haben das sehr schön beschrieben, v.a. hat es an Aktualität gewonnen, da die „Sorge um sich“ dem neoliberalen Zeitgeist schön entspricht: wer also davon redet, das in einer etwas unscharf bezeichneten ‚Moderne’ Hierarchie aufgelöst worden sei, ist ideologisch wohl etwas verblendet: „In der Moderne kann man die Konsequenz der Auflösung dieser Hierarchie und des blinden Hedonismus sehn.“ Da wir uns im Politik-Thread befinden, musste dies einmal gesagt werden).
 
kaismoessner, robert

Euer Disput über:
Affektiver Hedonismus - Rationaler Hedonismus.
Wenn ich Euch mit meinem Lexikon helfen kann:

Hedonismus (von griech. hedone, Freude, Lustgefühl, Genuß). 1. Psychologische Theorie, nach der die menschlichen Handlungen im Grunde durch Streben nach Lust und Vermeidung von Schmerz und Unlust motiviert sind. 2. Form der Glücksethik. Ethische Auffassung, nach der menschliches Vergnügen oder Lustgefühl das einzige an sich selbst Gute ist und Unlust oder Schmerz das einzige an sich selbst Böse. Alles übrige Gute oder Böse besitzt nur bedingt Wert oder Unwert, nämlich in dem Maß, wie es Lust oder Unlust hervorruft. Zu den bekanntesten Vertretern dieser Theorie gehören Epikur und Bentham. Auch J. S. Mills Utilitarismus ist hedonistisch geprägt; Mill unterscheidet verschiedene Typen von Lust, die hinsichtlich ihrer Intensität, Dauer usw. nicht unmittelbar zu vergleichen sind. Geistige Freuden wie Verstehen, Einsicht und Liebe stellen z. B. eine höhere Form von Lust dar als körperliche; deshalb ist sogar eine geistige Lust von geringer Intensität einer niederen Lust mit höherer Intensität vorzuziehen. - G. E. Moore u. a. weisen darauf hin, daß die psychologische und die ethische Theorie des H. sich strenggenommen nicht vereinbaren lassen. Die Lust als erstrebenswert zu empfehlen, ergäbe keinen rechten Sinn, wenn der Mensch bereits faktisch aufgrund seiner Natur Lust und nichts als Lust erstrebt. Diese Kritik richtet sich vor allem gegen Mill, der zur Begründung seines spezifischen ethischen H. den psychologischen H. heranzieht.

Lit.: Aristoteles: Nikomachische Ethik, Kap. III, 13-15; VII, 12-14; X, 1-5. Epikur: Philos. der Freude, 51973. H. Marcuse: Zur Kritik des H. In: Kultur und Gesellschaft, 1976. J. S. Mill: Der Utilitarismus, 1965. G. E. Moore: Principia Ethica, 1970, Kap. III.

Philosophielexikon/Rowohlt-Systhema
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Meinung eines HAK-Maturanten, den die Philosophie interessiert:

Ich bin so nützlich, so viel Gewinn ich der Gesellschaft, in der ich lebe, bringe, wobei es sicher nicht nur materielle Gewinne gibt; ich bin so gut, so viele Menschen ich außer mir noch liebe*.

*Lieben heißt schenken, helfen und verzeihen.
 
Hallo!

Das Grundthema dieses Threads war scillas "3-Kasten-Theorie". Da kann man mir ja nicht vorwerfen, ich schweifte vom Thema ab, denn das ist längst geschehen. Meine Argumentation ist auch eine rein ästhetische und aus dem Ärger entsprungen, dass jemand Schwierigkeiten hat, für "Kontent" ein deutsches Wort zu verwenden, gleichzeitig aber den Niedergang eben dieser Sprache betrauert und Anglizismenmissbrauch anklagt.

Ich freue mich, dass Jacques mal wieder da ist, aber warum du dich ausgrechnet bei einer Weltanschauung einhakst, die auf einem Hollywood Blockbuster, einem verklärten Japan der Vergangenheit und einem schwer faschismusverdächtigen Philosophen beruht, ist mir ein Rätsel. Hatten wir denn garnichts Interessantes in letzter Zeit?
Nun, ich bin gespannt, wie sich diese äußerst heterogenen Codes hier weiter ergänzen werden.
 
Robin schrieb:
Ich freue mich, dass Jacques mal wieder da ist, aber warum du dich ausgrechnet bei einer Weltanschauung einhakst, die auf einem Hollywood Blockbuster, einem verklärten Japan der Vergangenheit und einem schwer faschismusverdächtigen Philosophen beruht, ist mir ein Rätsel. Hatten wir denn garnichts Interessantes in letzter Zeit?

Ich war eben ziemlich beschäftigt in letzter Zeit und werde es weiterhin sein. Für längere Zeit war ich lange Zeit nicht mehr im Internet, was für mich Voraussetzung dafür ist, sich in gewisse Themata einzulesen. Die hiesige Diskussion schien mir einfach eine aktuelle, deswegen mochte ich mich dazu äussern.
Die Ästhetisierung der Politik scheint mir allerdings auch faschistisch zu sein, deswegen interessiert mich ja das Thema. Es ist für mich eine echte Herausforderung, faschistische Strukturen/ Prämissen in Diskursen aufzuspüren, denn irgendwie findet sich hier bei mir ein blinder Fleck: eine starke Aversion gegenüber diesem Denken, das es m.E. zu überwinden gilt.
 
Erstmal vielen Dank für die Herausforderung. Deine Argumentation zeugt von hoher Intelligenz und ihre Rezeption war mir ein Schweres, sowie es auch meine Bestrebung wird, sie zu widerlegen, denn genau dieses Denken hat die Demokratie ja auch auf der höchsten Ebene legitimiert.
Wohlan! :) Der erste Passus erscheint mir als "Kritik der reinen Vernunft". Gleichzeitig stützt er sich auf das Perspektivische in jeder Wertschätzung, auf die Begrenztheit der menschlichen Wahrnehmung (Abstraktion, Rezeption und Antizipation) und die daraus resultierende Unmöglichkeit eines allum-u. allerfassenden Denkens sowie die darin begründete Ungerechtigkeit einer Hierarchie - Sie erhebt die "Wahrheit schlechthin" zur Maxime.
Hier bekunde ich vorneweg meine Skepsis, dass das "Ding überhaupt" jemals verstanden, erfahren werden kann.
Die größte Lücke dieser Argumentation ist, dass sie stringent alles relativiert. Folglich würde sie den Menschen und seine Vernunft selbst ad absurdum führen. Wer könnte noch einen Mörder verurteilen, in Anbetracht der immanenten Dynamik seines Handelns, der verborgenen Kausalität, die im "Ganzen" zu suchen ist ?
Da ist mir die eudämoniestiftende Variante, die, obgleich sie nicht die neueste, abstrakte Erkenntnis, beachtet, sich an den Dingen die uns gewiss erscheinen orientiert, symphatischer.
Mit dem Erhalt der Eudämonie und deren Vorraussetzungen hat sie nämlich mehr zu bieten als eine subversive Welt der Spekulation.

Aber ich gebe ehrlich zu, dass Du mir zu denken gibst. Obwohl mir diese Argumentation nicht neu ist, habe ich sie nie derart intensiv betrachtet.



Nun Passus Nr.2: Zu Technik und Natur:

Technik ist Mittel zum Zweck (...)lässt sich nur im Bereich der Technik, der Sitte, der Mittel entscheiden. Da aber, wie gesagt, selbst dieser Bereich einem nicht als Mittel zu Zwecken zur Verfügung steht
Eine Antinomie, die ich nicht verstehe ? Nachlässigkeit ? Oder steckt was anderes dahinter ?
Ich denke Du meinst, dass der Umgang mit der Natur sich an unserem Zweck misst. Dieser wiederum kann nichts sein als Eudämonie. Vorraussetzung dieser ist jedoch eine intakte Natur, der "artgemäße" Lebensraum. Gleichwohl wir uns diesen, mittels unserer imaginativen Fähigkeit, selbst basteln können, ist dies die schlechtere Wahl. Offensichtlich sind wir nämlich nicht in der Lage, dies so zu tun, dass es unseren Ansprüchen gerecht wird oder, dass es von Beständigkeit ist. Dies verhindert nicht nur Eudämonie, sondern sogar den geringsten Impetus, den des Überlebens. Somit bleibt uns keine andere Wahl, als die Natur zu belassen, mit ihr im Einklang zu leben, eben doch als Teil von ihr.

Dass die Moderne aus dem Zusammenbruch der Hierarchie entstand ist schon richtig, allerdings habe ich die Morbiditiät der vorangegangen Epoche ja nicht außen vor gelassen. (Insofern hier die Rede von Morbidität sein kann... Vielmehr waren die Vorgänge, vor allem in unserer Region, nie analog meiner postulierten eudämoniestiftenden Vorstellungen verlaufen)
 
kaismoessner schrieb:
Hier bekunde ich vorneweg meine Skepsis, dass das "Ding überhaupt" jemals verstanden, erfahren werden kann.

Ja, diese Skepsis ist durchaus angebracht. Nur, die Existenz des „Ding an sich“ – wir können durchaus den kantischen Terminus verwenden, wenn du die Ausführungen schon als „Kritik der reinen Vernunft“ bezeichnest – wird nur insofern postuliert, als sie auch von dir in deiner Argumentation stets vorausgesetzt wird. Das „Ding an sich“ könnte als das geistige Wesen der Sprache aufgefasst werden, dass bei Aktualisierung der Rede unmittelbar im sprachlichen Wesen (die abwesende Totalität der sprachlichen Gefüge) seinen mittelbaren Ausdruck findet. Ich konzentriere mich auf die sprachlichen Mittel und auf das, was vorausgesetzt wird, um Text als Text erscheinen zu lassen. Erst die Erkenntnis des „Ding an sich“ – so meine Argumentation – dürfte es dir eigentlich ermöglichen, von „Gewissheit“ mit absoluter Gewissheit zu sprechen („Da ist mir die eudämoniestiftende Variante, die, obgleich sie nicht die neueste, abstrakte Erkenntnis, beachtet, sich an den Dingen die uns gewiss erscheinen orientiert, symphatischer“ immerhin wird der moralische Charakter deiner Gewissheiten – der sie als solche damit ad absurdum führt – in diesem Satz mit dem Prädikat „sympathisch“ sogleich selbst erwiesen).

kaismoessner schrieb:
Die größte Lücke dieser Argumentation ist, dass sie stringent alles relativiert. Folglich würde sie den Menschen und seine Vernunft selbst ad absurdum führen.

Das ist bedingt richtig. Der Mensch und seine Vernunft werden aber eben nicht ad absurdum geführt! Ad absurdum geführt wird nur eine Argumentation, die um das Wesen des ‚Menschen’ und das Wesen der ‚Vernunft’ zu wissen vermeint. Wer oder was ist ein Mörder? Hier beschreiten wir ein sehr schwieriges Gebiet. Der Ausspruch ‚Mörder’ ist für mich ziemlich schwierig getan, da er augenscheinlich voraussetzt, eine Kausalität festgestellt haben zu können (ich bin hier sehr skeptisch, Nietzsches Kritik an der Auffassung von Kausalität ist mir zu präsent. Ausserdem wird mir auf der Welt allzu übles mit dem Prädikat ‚Mörder’ angestellt: überleg dir mal gut, wer darunter zu fassen ist und welche Konsequenzen sich aus diesem fixen Punkt für den Rest der Dynamik ergeben könnte).

kaismoessner schrieb:
Wer könnte noch einen Mörder verurteilen, in Anbetracht der immanenten Dynamik seines Handelns, der verborgenen Kausalität, die im "Ganzen" zu suchen ist ?
Da ist mir die eudämoniestiftende Variante, die, obgleich sie nicht die neueste, abstrakte Erkenntnis, beachtet, sich an den Dingen die uns gewiss erscheinen orientiert, symphatischer.
Mit dem Erhalt der Eudämonie und deren Vorraussetzungen hat sie nämlich mehr zu bieten als eine subversive Welt der Spekulation.
Mehr zu bieten? Das ist Heuchelei. Denn das, was hier geboten wird und eben sich mit diesem Satz anbietet, ist nichts anderes als Spekulation. Wenn Spekulation per se subversiv sein soll – was ich aus der aufgestellten Argumentation heraus bezweifeln muss – so würde auch jede mögliche Transzendenz und Hoffnung auf Erkenntnis zerstört.
Spekulation über „Eudämonie und deren Voraussetzungen“ ist insofern subversiv, als sie Hoffnung produziert und einen transzendenten Standpunkt postuliert (sie erscheint also aus sich selbst heraus als eine subversive Spekulation und unterminiert so den Begriff der Subversion). Das ist nichts weiter als die Errichtung eines regulativen Ideals, das im Zeichen eines Fortschritts (einer leeren und homogenen Zeit) die eigene Überredungskunst (die sich stets selbst überredet, auch indem sie scheinbar über sich redet) vor sich hinschiebt.

kaismoessner schrieb:
Ich denke Du meinst, dass der Umgang mit der Natur sich an unserem Zweck misst.
‚Umgang’ mit ‚Natur’ ist die Versittlichung (entschuldige diesen Ausdruck) von ‚Natur’. ‚Natur’ ist Teil eines sittlichen Verhältnisses, das sich über eine Mittel-Zweck-Relation bestimmen lässt. ‚Natur’ ergibt sich aus der Annahme der Erkenntnis gerechter Zwecke in der ‚Natur’ selbst und führt so zur Berechtigung sämtlicher Mittel, – das schliesst den ‚Umgang’ mit ein (so legitimiert man faschistische Gesellschaftssysteme und rechtfertigst Kasten, Euthanasie etc.). Berechtigter ‚Umgang’ mit der ‚Natur’ verweist aber so auf ein Erkenntnisproblem und wirft den Beobachter auf die Notwendigkeit empirischer Erkenntnis zurück. Deswegen scheidet also die Erkenntnis gerechter Zwecke – extrahiert aus einer ‚Natur’ „an sich“ – sofort aus. Über was nun entschieden wird, ist die Rechtmässigkeit von Mitteln in ihrer historischen Dimension. Und genau hier stossen wir wieder auf das Problem der leeren und homogenen Zeit (oben bereits angeführt). Unabhängig von der Gerechtigkeit der Zwecke bleibt die Beurteilung der Mittel (des Umgangs); und genau hier setzt die Problematik der Unentscheidbarkeit ein (denn entscheidet man sich für die berechtigte Gewordenheit der Mittel hat man ebenfalls sämtliche Gesellschaftssysteme – darunter faschistische – legitimiert). ‚Unser’ Zweck also ist demnach keine Messlatte, an dem man irgendeinen ‚Umgang’ absolut legitimieren kann, denn seine Gerechtigkeit müsste sich aus der gewissen Entscheidung über die Berechtigtheit der Mittel ergeben. Deswegen ist Eudämonie kein gerechter Zweck, sondern viel eher schon ein Mittel: ein Mittel unangemessener Erkenntnis.

kaismoessner schrieb:
Dass die Moderne aus dem Zusammenbruch der Hierarchie entstand ist schon richtig, allerdings habe ich die Morbiditiät der vorangegangen Epoche ja nicht außen vor gelassen.
Ich weiss nicht, auf welche ‚Moderne’ hier angespielt wird, nur scheint es mir, dass zu diesem Zeitpunkt nicht die Rede davon sein kann, dass Hierarchie zusammengebrochen sein soll (die Gesellschaft, in der ich lebe, und sämtliche ihrer Bereiche) ist durch und durch hierarchisch organisiert.
 
Robin schrieb:
Ich freue mich, dass Jacques mal wieder da ist,
aber warum du dich ausgrechnet bei einer Weltanschauung einhakst, die auf einem Hollywood Blockbuster,
einem verklärten Japan der Vergangenheit und einem schwer faschismusverdächtigen Philosophen beruht,
ist mir ein Rätsel.

Hatten wir denn garnichts Interessantes in letzter Zeit?
Meine Geschmacksrichtung sind die Ergüsse der Schwurbelsprech-Termina-Torin auch nicht.

Diese Bäh-Ton-Buchstabensuppe muss ich ja glücklicherweise nicht essen.

Ich muss diesen Bäh-Ton weder bäh-gutachten, noch bäh-schlechtachten, noch überhaupt bäh-achten.


Allerdings kann ich mich allmählich des Eindrucks nicht mehr erwehren,
dass die g'schraubte Ausdrucksweise ein kalkulierter Bestandteil einer Verarschung ist.

Anders ergibt das Ganze kaum einen Sinn. Ernst meinen kann sowas ja wohl kaum jemand
(Psychopathen natürlich ausgenommen, aber die sind ja eine eigene Kaste, vor allem jene,
mit einem Imbezillitäts-Quotienten grösser als 130 !).

Ich habe deshalb auch die Replik von Jacques als eine Art Kontra-Verarschung
(müsste das jetzt Vergesichtung oder Vergeschlechtsteilung heissen ?) verstanden und genossen.


Jacques schrieb:
Es ist für mich eine echte Herausforderung, faschistische Strukturen/Prämissen in Diskursen aufzuspüren,
denn irgendwie findet sich hier bei mir ein blinder Fleck:
eine starke Aversion gegenüber diesem Denken, das es m.E. zu überwinden gilt.
Ist eine solche Zone erhöhter Sensibilität nicht eher das Gegenteil eines blinden Flecks ?

Das musste auch einmal gesagt werden.

lg nase
 
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@Jacques: Ich wäre Dir dankbar, wenn Du Deine politische Orientierung expliziter erläutern könntest. Deine Argumentation zwingt mich förmlich zu einer Schematisierung Deines Denkens - um dies zu vermeiden, sollte ich mehr über Deine Denkweise erfahren, denn omit kann ich Deine Posts auch differenzierter behandeln.
Vielen Dank.
 
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