Totalitärer, autoritärer Neoliberalismus ?
In diesem Themenstrang darf natürlich auch ein neuerlicher
Verweis auf den Vortrag von Professor Rainer Mausfeld
bei den 28. Pleisweiler Gesprächen vom 22. Oktober 2017
nicht fehlen.
Wie sich die "verwirrte Herde" auf Kurs halten lässt:
Neue Wege der "Stabilitätssicherung" im autoritären Neoliberalismus.
Mausfeld zitiert darin u.a. ein neues Buch von Noam Chomsky.
Von Verkäufern wird die deutsche Ausgabe so beschrieben ...
Amazon schrieb:
Requiem für den amerikanischen Traum:
Die 10 Prinzipien der Konzentration von Reichtum und Macht
Gebundene Ausgabe – 30. August 2017
von Noam Chomsky (Autor),
Gabriele Gockel (Übersetzer), Thomas Wollermann (Übersetzer)
Produktinformation
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Kunstmann, A; Auflage: 1 (30. August 2017)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3956142012
ISBN-13: 978-3956142017
Originaltitel: Requiem for the American Dream
Größe und/oder Gewicht: 13 x 2,2 x 19,5 cm
Promotiontext des Verlages.
Noam Chomsky ist der einflussreichste Intellektuelle
der Vereinigten Staaten und in seinem neuen Buch
befasst er sich erstmals umfassend
mit dem großen Thema unserer Zeit: der sozialen Ungleichheit.
Anhand von zehn Prinzipien zur Konzentration von Reichtum
und Macht und mithilfe zahlreicher historischer Texte
der amerikanischen Geschichte erklärt Noam Chomsky,
wie der amerikanische Traum
– dass jeder es mit harter Arbeit zu etwas bringen kann
– in den letzten Jahrzehnten beerdigt und ein System
nie da gewesener sozialer Ungleichheit errichtet wurde,
von dem letztlich nur einige wenige profitieren.
Requiem für den amerikanischen Traum
macht die Breite und Tiefe von Noam Chomskys Denken
zugänglich wie kein anderes seiner Bücher und verdeutlicht
seine politischen Ideen mit einer beispiellosen Direktheit.
Die Pflichtlektüre für alle, die noch Hoffnung auf eine
gemeinsame, demokratische Gestaltung unserer Zukunft haben.
Kundenrezension
Der Fall Amerika(s)
Von Timo Brandt am 4. September 2017
"Wer nach Europa, Japan oder selbst China reist,
dem fällt bei seiner Rückkehr sofort auf,
dass sich die USA im Verfall befinden, und er hat oft
das Gefühl, in ein Land der sogenannten dritten Welt
zurückzukehren.
Die Infrastruktur ist marode, das Gesundheitssystem
ist völlig zerrüttet, das Bildungssystem liegt in Trümmern,
nichts funktioniert, und all das in einem Land,
das über unglaubliche Mittel verfügt."
Der amerikanische Traum ist eines der großen Narrative
des 20. Jahrhunderts.
Vor allem in der Filmwelt Hollywoods, aber auch in vielen
anderen Medien, fest verankert in den Vorstellungswelten,
die sich um das Wesen der Vereinigten Staaten von Amerika
drehen.
Aber dieser Traum ist nicht nur ein Narrativ, ein Mythos
– für die Amerikaner*innen war er lange Zeit ein Versprechen,
eine Art von Gewissheit.
Das sollte man im Hinterkopf behalten,
wenn man diese neue Denkschrift von Noam Chomsky liest;
man sollte den Titel wörtlich nehmen.
Das hier ist ein Requiem, ein Rückblick auf eine Idee,
die Europäer*innen vielleicht zu begreifen glauben,
deren Tragweite sie aber vermutlich unterschätzen, weil sie
für die meisten von Ihnen etwas klischiertes, abgedroschenes
hat, die Qualität eines Kalenderspruchs, einer Phrase.
Nicht so in den USA, wo lange an der Unsterblichkeit
dieses Versprechens festgehalten wurde.
"Aber inzwischen wissen wir einfach, dass das
[Versprechen von schnellem Aufstieg und unbegrenzten
Möglichkeiten, der amerikanische Traum] nicht mehr gilt.
Die soziale Mobilität in den USA ist geringer als in Europa.
Doch der Traum, genährt durch Propaganda, besteht fort.
Er ist Bestandteil sämtlicher politischer Reden:
Wählt mich, wir lassen den Traum wiederaufleben."
Mittlerweile müssen die meisten Amerikaner*innen
der Mittelschicht zwei Jobs machen, haben kaum Aussicht
auf Unterstützungen von Seiten des Staates
und wenn sie nicht wohlhabend sind, können ihre Kinder
keine guten weiterführenden Schulen besuchen.
Der amerikanische Traum ist zu einem Alptraum geworden.
Wie konnte es soweit kommen?
Es gibt einfache Antworten darauf.
Chomsky führt die Entwicklungen, die zu den heutigen
gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verwerfungen
geführt haben, in zehn Punkten aus.
Was dabei herauskommt:
ein 10-Punkte Plan zur Kontrolle einer Gesellschaft,
die nicht mehr demokratisch ist,
sondern im Prinzip aristokratisch-plutokratisch.
Die Verantwortlichen, die diesen Plan umsetzten,
sind schnell gefunden: es sind die „Herren der Welt“,
ein Zitat von Adam Smith, dem frühen Wirtschaftstheoretiker.
Thinktanks, Superreiche, große Unternehmen,
neoliberale Organisationen und Einrichtungen,
Lobbyist*innen und die Politiker*innen,
die sich von ihnen die Wahlen bezahlen lassen.
Zusammengefasst:
Menschen, die sich seit den 70er Jahren die Welt
so gemacht haben, widdewidde wie sie ihnen gefällt.
Und dabei die amerikanische Gesellschaft in den Abgrund
führten, der sie heute sind.
Chomsky ist weit davon entfernt
die amerikanische Gesellschaft generell zu verherrlichen.
So schreibt er früh:
"Die USA waren eine koloniale Siedlergesellschaft
– die brutalste Form des Imperialismus.
Man muss schon darüber hinwegsehen, dass man deshalb reicher
wurde und ein immer freieres Leben führte, weil die indigene
Bevölkerung dezimiert wurde
– die erste schwere Ursünde der amerikanischen Gesellschaft;
und weil ein anderer Teil der Bevölkerung
aus herbeigeschafften Sklaven bestand
- die zweite schwere Sünde."
Dennoch gibt es für ihn so etwas wie ein besseres Zeitalter:
die 30er und 40er Jahre
und die davon profitierenden 50er und 60er Jahre,
die Zeiten von New Deal und der organsierten
Interessensvertretung bei Minderheiten und Arbeiter*innen.
Die Bürgerrechtsbewegung der afroamerikanischen Bevölkerungsteile,
die Gewerkschaftserrungenschaften, die sozialen Einrichtungen
– viele Dinge schienen sich zum Positiven zu entwickeln.
Nie wieder danach gab es in den USA eine
so breite Agitation für bessere, egalitäre Bedingungen.
Mit Franklin Delano Roosevelt saß in den 30er und frühen 40ern
eine offene Regierung im Weißen Haus.
Chomsky schreibt dazu:
"Franklin Delano Roosevelt zeigte sich für progressive Gesetze
zugunsten der Allgemeinbevölkerung ziemlich aufgeschlossen,
aber er musste sie auch irgendwie durchbringen.
Also ließ er die Arbeiterführer und andere Verantwortliche wissen:
"Zwingt mich dazu. Wenn ihr es schafft, mich dazu zu zwingen,
dann bin ich mit dem größten Vergnügen dabei."
Das hieß:
geht auf die Straße und demonstriert, organisiert, protestiert,
bringt die Arbeiterbewegung voran, streikt und so weiter.
Ist der Druck der Bevölkerung groß genug,
kann ich die Gesetze machen, die ihr wollt."
Bei deutschen Leser*innen könnten an dieser Stelle unschöne
Pegida-Assoziationen aufkommen (wobei die ja nicht progressiv
eingestellt sind) und sicher könnte man die Roosevelt-Regierung
auch kritischer sehen als Chomsky es in diesem Buch tut.
Aber es geht nicht um Roosevelt, es geht darum,
was schiefgelaufen ist in den letzten vier Jahrzehnten,
wie die Errungenschaften umgewandelt, zurückgenommen
und zerschlagen werden konnten.
Stück für Stück, unter Berufung auf exemplarische historische
und literarische Quellen (die im Anhang jedes Kapitels
noch einmal nachgelesen werden können) zeigt Chomsky
die verschiedenen Bereiche auf, in denen sich die Zerschlagung
des amerikanischen Traums wirkungsvoll darstellen lässt.
Seine Herangehensweise ist dabei immer wieder unterschiedlich,
aber von bestechender Klar- und Knappheit,
wobei sich manchmal leicht dramatische Gesten einschleichen;
und es sind nicht gerade lasche Geschütze, die er auffährt.
Manchmal wirkt das, als würde er übertreiben,
aber er kann glaubhaft vermitteln, dass er das nicht tut.
"Am 8. November 2016 fand im mächtigsten Land der Erde,
das allem, was die Zukunft bringt,
seinen Stempel aufdrücken wird, eine Wahl statt.
Das Resultat legte die gesamte Regierungskontrolle
- Exekutive, Kongress, Oberster Gerichtshof - in die Hände
der Republikanischen Partei, die die gefährlichste Organisation
der Weltgeschichte geworden ist.
[...]
Ist das eine Übertreibung?
Schauen wir uns einfach an, was wir gerade erlebt haben.
Der siegreiche Präsidentschaftskandidat fordert einen raschen
Ausbau der Nutzung fossiler Brennstoffe, Deregulierungen,
ein Ende der Unterstützung von Entwicklungsländern,
die sich um eine nachhaltige Energieversorgung bemühen.
Ganz allgemein gesagt:
Er sorgt dafür, dass wir mit Vollgas auf den Abgrund zurasen."
Das Buch wurde für US-Amerikaner*innen geschrieben,
es verhandelt ein tiefamerikanisches Thema und die erschreckende
US-amerikanische Wirklichkeit; es ist eine Geschichtsstunde,
ein Versuch einfacher und klarer Aufklärungsarbeit.
Den deutschen Leser*innen ermöglichst es einen kurzen Einblick
in die amerikanische Seele – und einen Ausblick auf das,
was auf uns zukommt, wenn wir nicht aufpassen.
Volker Pispers sagte einmal,
dass die USA neoliberaler Kapitalismus im Endstadium sind.
Sehr viel anders fällt die Diagnose von Chomsky nicht aus,
nur dass er minuziöser die Gründe dafür aufschlüsselt.
Und die zentralen, regressiven Entwicklungen, die er umreißt,
haben auch hier bei uns in Deutschland längst Fahrt aufgenommen:
auch hier wird der soziale Sektor abgebaut,
die Unternehmen werden hofiert,
die Verhältnisse bei den Löhnen fangen an prekär zu werden
und es wird nichts dagegen getan.
Das Buch Kein Wohlstand für alle!? von Ulrich Schneider
ist zu diesem Thema eine empfehlenswerte Lektüre.
„Politik ist der Schatten, den die Großindustrie
auf die Gesellschaft wirft“,
hat der Sozialphilosoph John Dewey gesagt (Chomsky zitiert ihn).
Was eigentlich nur ein zynischer Spruch sein sollte,
ist mittlerweile, in aller Kürze, eine ziemlich genaue Diagnose
der Lage in den USA, wie Chomsky sie ausbreitet und belegt.
Aber, und auch wenn er das nur unter Vorbehalt
und vor dem Hintergrund unheilverkündender Szenarien tut,
Chomsky weist hier und da auf die weiterhin bestehenden
Möglichkeiten hin, wie diese Gesellschaft wieder umgebaut
werden kann.
Möglich ist das seiner Meinung nach in den USA
nicht mithilfe einer der beiden etablierten Parteien,
sondern durch eine dritte Partei,
die die Bevölkerung selbst darstellt.
"Wenn man eine dritte, unabhängige Partei will, muss man
ständig aktiv sein - das System von den Schulkommissionen
über die Stadträte, die Abgeordneten in den Bundesstaaten
bis hinauf zum Kongress umkrempeln.
Manche Leute haben das längst begriffen,
vor allem die am rechten Rand."
Hier gilt Chomskys Hinweis auch für Europa, auch für Deutschland;
denn auch in unseren Gesellschaften ist es vor allem
der rechte Rand, der sich demonstrativ organisiert
und immer mehr dabei ist, die Diskussion zu bestimmen.
Was Chomsky schreibt, ist ein Requiem,
der Abgesang eines Mannes von beinahe 90 Jahren
und mitunter fragt man sich bei der Lektüre
wohl das gleiche wie er:
Wie konnte es soweit kommen?
Wann haben wir nicht aufgepasst?
Wann hätten wir etwas tun können?
Soweit ist es in Europa, ist es in Deutschland noch nicht.
Aber gerade jetzt wird nicht aufgepasst,
gerade jetzt wird wenig getan.
Daran erinnert uns Chomskys Buch, genauso wie es uns
eine Lehrstunde in amerikanischer Geschichte erteilt;
eine Geschichte,
die so glorreich erscheint auf den Fernsehschirmen
und so bitter und entzaubert ist in Wirklichkeit.
> Das musste auch einmal in aller Klarheit gesagt werden. <