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Nietzsche: Zur Genealogie der Moral

Dieses Thema im Forum "Die Philosophen" wurde erstellt von Joachim Stiller, 11. Mai 2019.

  1. Joachim Stiller

    Joachim Stiller Well-Known Member

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    Ich wechle mal eine zeitlang zu Niietzsche... Hier soll nun Nietsches Werk "Zur Genealogie der Moral" gelesen und besprochen werden... Das ist für den Anfang etwas leichter, als Aristoteles... Hier zunächst der Wiki-Artikel:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Zur_Genealogie_der_Moral

    Und hier der Originaltext bei Zeno... Und damit fnagen wir in etwa eine halben Studne an...

    http://www.zeno.org/Philosophie/M/Nietzsche,+Friedrich/Zur+Genealogie+der+Moral

    Zur Genealogie der Moral entstand 1887, also ein Jahr vor seinem "Explusionsjahr" 1888, in dem er noch seinen "heiligne" 44. Geburtstag erleben und still für sich feiner durfte... Er beging den Tag mir glücklich sien, feiern, und ausgeibigen Spaziergängen... Dann noch die Druckfahnen zum Antichristen im Dezember und im Januar 1889 dann der Zuammenbruch als Spätfolge einer Syphilis... Diagnose: Gehirnerweichung... Der arme Kerl hatte sich ernsthaft eine Matschbirne zugezogen...
     
  2. Joachim Stiller

    Joachim Stiller Well-Known Member

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    Wir wäerden sämtliche Aphorismen einzeln durchgehen und besprechen... Hier schon mal der erste Aphorismus... Freiwillige vor...

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    [771] – Diese englischen Psychologen, denen man bisher auch die einzigen Versuche zu danken hat, es zu einer Entstehungsgeschichte der Moral zu bringen – sie geben uns mit sich selbst kein kleines Rätsel auf; sie haben sogar, daß ich es gestehe, eben damit, als leibhaftige Rätsel, etwas Wesentliches vor ihren Büchern voraus – sie selbst sind interessant! Diese englischen Psychologen – was wollen sie eigentlich? Man findet sie, sei es nun freiwillig oder unfreiwillig, immer am gleichen Werke, nämlich die partie honteuse unsrer inneren Welt in den Vordergrund zu drängen und gerade dort das eigentlich Wirksame, Leitende, für die Entwicklung Entscheidende zu suchen, wo der intellektuelle Stolz des Menschen es am letzten zu finden wünschte (zum Beispiel in der vis inertiae der Gewohnheit oder in der Vergeßlichkeit oder in einer blinden und zufälligen Ideen-Verhäkelung und –Mechanik oder in irgend etwas Rein-Passivem, Automatischem, Reflexmäßigem, Molekularem und Gründlich-Stupidem) – was treibt diese Psychologen eigentlich immer gerade in diese Richtung? Ist es ein heimlicher, hämischer, gemeiner, seiner selbst vielleicht uneingeständlicher Instinkt der Verkleinerung des Menschen? Oder etwa ein pessimistischer Argwohn, das Mißtrauen von enttäuschten, verdüsterten, giftig und grüngewordenen Idealisten? Oder eine kleine unterirdische Feindschaft und Rancune gegen das Christentum (und Plato), die vielleicht nicht einmal über die Schwelle des Bewußtseins gelangt ist? Oder gar ein lüsterner Geschmack am Befremdlichen, am Schmerzhaft-Paradoxen, am Fragwürdigen und Unsinnigen des Daseins? Oder endlich – von allem etwas, ein wenig Gemeinheit, ein wenig Verdüsterung, ein wenig Antichristlichkeit, ein wenig Kitzel und Bedürfnis nach Pfeffer?... Aber man sagt mir, daß es einfach alte, kalte, langweilige Frösche seien, die am Menschen herum, in den Menschen hinein kriechen und hüpfen, wie als ob sie da so recht in ihrem Elemente wären, nämlich in einem Sumpfe. Ich höre das mit Widerstand, mehr noch, ich glaube[771/772] nicht daran; und wenn man wünschen darf, wo man nicht wissen kann, so wünsche ich von Herzen, daß es umgekehrt mit ihnen stehen möge – daß diese Forscher und Mikroskopiker der Seele im Grunde tapfere, großmütige und stolze Tiere seien, welche ihr Herz wie ihren Schmerz im Zaum zu halten wissen und sich dazu erzogen haben, der Wahrheit alle Wünschbarkeit zu opfern, jeder Wahrheit, sogar der schlichten, herben, häßlichen, widrigen, unchristlichen, unmoralischen Wahrheit... Denn es gibt solche Wahrheiten. –
     
  3. Joachim Stiller

    Joachim Stiller Well-Known Member

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    Vielleicht noch eiben ein paar bibliothekarische Angaben: Der vollständige Titel des Werkes lautet:

    Zur Genealogie der Moral - Eine Streitschrift

    Zitiert wird nach C. G. Naumann (1887)... Der Text ist gemeinfrei...

    Und? Schon jemand eine Idee zum ersten Aphorismus? Kommt Leute, lasst Euchnicht lumpen und hebt den Humpen... Ich dage nachher auch noch was dazu...
     
  4. Joachim Stiller

    Joachim Stiller Well-Known Member

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    Delikat, nicht wahr? Nietzsche ist so schmackhaft, wie Leberpastete...
     
  5. Joachim Stiller

    Joachim Stiller Well-Known Member

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    Tja, jetzt bräucte man eine Übersetzung der lateinischen Phrasen.... Vielleicht kann das noch jemand besorgen....
     
  6. Joachim Stiller

    Joachim Stiller Well-Known Member

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    Es geht Nietzsche hier um die in seiner Zeit wohl öfters auftauchenen Machwerke britischer Psycholöogen, wahrshceinlich Utilitaristen, zur Genealogie der Moral, Werke die eine Wendung nehmen, die Nietzsch so gar nicht zu schmecken sscheint... Allering shabe ihc Nietshces Charakterisierung dieser Wendung ob der lateinischen Phrasen nicht gnaz verstanden... In jedem Fall macht ers ich über das typisch Psycolgische am Psychologen lustig, dieses ewige Wühlen in den Abgründen der eigeenn Eingeweide und das ist sofort klar, dass da nicht nur der Psychologe Nietzsche spricht, sondern dass er auch von sich selbst und seinen eigenen Erfahrungen spricht... Man hat ein bisschen den Eindruck, der Psychologe Nietsche sei fast ein wenig stolz,es den Psychologen derart heimzahlen zu können...
     
  7. Joachim Stiller

    Joachim Stiller Well-Known Member

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    Dieses erste der drei Kapitel des Buches ist übrigens überschrieben mit "Gut und Böse" - "Gut und Schlecht"...
     
  8. Joachim Stiller

    Joachim Stiller Well-Known Member

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    Wenn keiner was sagen will, machen wir mit dem zweiten Aphoismus weiter... Und dann so fort...

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    Alle Achtung also vor den guten Geistern, die in diesen Historikern der Moral walten mögen! Aber gewiß ist leider, daß ihnen der historische Geist selber abgeht, daß sie gerade von allen guten Geistern der Historie selbst im Stich gelassen worden sind! Sie denken allesamt, wie es nun einmal alter Philosophen-Brauch ist, wesentlich unhistorisch; daran ist kein Zweifel. Die Stümperei ihrer Moral-Genealogie kommt gleich am Anfang zutage, da, wo es sich darum handelt, die Herkunft des Begriffs und Urteils »gut« zu ermitteln. »Man hat ursprünglich« – so dekretieren sie – »unegoistische Handlungen von seiten derer gelobt und gut genannt, denen sie erwiesen wurden, also denen sie nützlich waren; später hat man diesen Ursprung des Lobes vergessen und die unegoistischen Handlungen einfach, weil sie gewohnheitsmäßig immer als gut gelobt wurden, auch als gut empfunden – wie als ob sie an sich etwas Gutes wären.« Man sieht sofort: diese erste Ableitung enthält bereits alle typischen Züge der englischen Psychologen-Idiosynkrasie – wir haben »die Nützlichkeit«, »das Vergessen«, »die Gewohnheit« und am Schluß »den Irrtum«, alles als Unterlage einer Wertschätzung, auf welche der höhere Mensch bisher wie auf eine Art Vorrecht des Menschen überhaupt stolz gewesen ist. Dieser Stolz soll gedemütigt, diese Wertschätzung entwertet werden: ist das erreicht?... Nun liegt für mich erstens auf der Hand, daß von dieser Theorie der eigentliche Entstehungsherd des Begriffs »gut« an falscher Stelle gesucht und angesetzt wird: das Urteil »gut« rührt nicht von denen her, welchen »Güte« erwiesen wird! Vielmehr sind es »die Guten« selber gewesen, das heißt die Vornehmen, Mächtigen, Höhergestellten und Hochgesinnten,[772/773] welche sich selbst und ihr Tun als gut, nämlich als ersten Ranges empfanden und ansetzten, im Gegensatz zu allem Niedrigen, Niedrig-Gesinnten, Gemeinen und Pöbelhaften. Aus diesem Pathos der Distanz heraus haben sie sich das Recht, Werte zu schaffen, Namen der Werte auszuprägen, erst genommen: was ging sie die Nützlichkeit an! Der Gesichtspunkt der Nützlichkeit ist gerade in bezug auf ein solches heißes Herausquellen oberster rang-ordnender, rang-abhebender Werturteile so fremd und unangemessen wie möglich: hier ist eben das Gefühl bei einem Gegensatze jenes niedrigen Wärmegrades angelangt, den jede berechnende Klugheit, jeder Nützlichkeits-Kalkul voraussetzt – und nicht für einmal, nicht für eine Stunde der Ausnahme, sondern für die Dauer. Das Pathos der Vornehmheit und Distanz, wie gesagt, das dauernde und dominierende Gesamt- und Grundgefühl einer höheren herrschenden Art im Verhältnis zu einer niederen Art, zu einem »Unten« – das ist der Ursprung des Gegensatzes »gut« und »schlecht«. (Das Herrenrecht, Namen zu geben, geht so weit, daß man sich erlauben sollte, den Ursprung der Sprache selbst als Machtäußerung der Herrschenden zu fassen: sie sagen »das ist das und das«, sie siegeln jegliches Ding und Geschehen mit einem Laute ab und nehmen es dadurch gleichsam in Besitz.) Es liegt an diesem Ursprunge, daß das Wort »gut« sich von vornherein durchaus nicht notwendig an »unegoistische« Handlungen anknüpft: wie es der Aberglaube jener Moralgenealogen ist. Vielmehr geschieht es erst bei einem Niedergange aristokratischer Werturteile, daß sich dieser ganze Gegensatz »egoistisch« »unegoistisch« dem menschlichen Gewissen mehr und mehr aufdrängt – es ist, um mich meiner Sprache zu bedienen, der Herdeninstinkt, der mit ihm endlich zu Worte (auch zu Worten) kommt. Und auch dann dauert es noch lange, bis dieser Instinkt in dem Maße Herr wird, daß die moralische Wertschätzung bei jenem Gegensatze geradezu hängen und stecken bleibt (wie dies zum Beispiel im gegenwärtigen Europa der Fall ist: heute herrscht das Vorurteil, welches »moralisch«, »unegoistisch«, »désintéressé« als gleichwertige Begriffe nimmt, bereits mit der Gewalt einer »fixen Idee« und Kopfkrankheit).
     
  9. Joachim Stiller

    Joachim Stiller Well-Known Member

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    Zum 2. Aphorismus:

    Nietzsche hat nicht gnaz unrecht: Der Utilitarismus lässt sich - wie überhaupt keine einzige positive Ethik - letztbegründen, erst recht nicht, wie es die Briten wohl prychologisch recht gewitzt zu tun versucht haben, nämlich historisierend...Positive Ethik lässt sich per se nicht letztbegründen, man tut das Gute, oder das Soziale, oder was auch immer, oder man lässt es, aber letztbegürnden kann man das schlechterdings "nicht"... Das heißt aber nicht, dass das Gute nicht gut und das Böse nicht böse sei... Und es heißt auch nicht, dass wir besser auf Moralität gnaz verzichten solltne, wie Nietzsche meint...

    Nietzsche ist schlau, sich gegen die britischen Utilitaristen zu wendne.... Er ahnt vielleicht, dass Letzbegürndungsansprüch in Sachen Moralittä vielleicht doch einlösbar sind, zum Beispiel in Bezug auf die negative Ethik und das Nichtshadensprinzip... ich gehe davonaus, dass er keinen Gednaken darran verschwenden wird, nicht einmal an Kant...
     
    Zuletzt bearbeitet: 11. Mai 2019
  10. Joachim Stiller

    Joachim Stiller Well-Known Member

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    [773774] Zweitens aber: ganz abgesehn von der historischen Unhaltbarkeit jener Hypothese über die Herkunft des Werturteils »gut«, krankt sie an einem psychologischen Widersinn in sich selbst. Die Nützlichkeit der unegoistischen Handlung soll der Ursprung ihres Lobes sein, und dieser Ursprung soll vergessen worden sein – wie ist dies Vergessen auch nur möglich? Hat vielleicht die Nützlichkeit solcher Handlungen irgendwann einmal aufgehört? Das Gegenteil ist der Fall: diese Nützlichkeit ist vielmehr die Alltagserfahrung zu allen Zeiten gewesen, etwas also, das fortwährend immer neu unterstrichen wurde; folglich, statt aus dem Bewußtsein zu verschwinden, statt vergeßbar zu werden, sich dem Bewußtsein mit immer größerer Deutlichkeit eindrücken mußte. Um wieviel vernünftiger ist jene entgegengesetzte Theorie (sie ist deshalb nicht wahrer –), welche zum Beispiel von Herbert Spencer vertreten wird: der den Begriff »gut« als wesensgleich mit dem Begriff »nützlich«, »zweckmäßig« ansetzt, so daß in den Urteilen »gut« und »schlecht« die Menschheit gerade ihre unvergeßnen und unvergeßbaren Erfahrungen über nützlich-zweckmäßig, über schädlich-unzweckmäßig aufsummiert und sanktioniert habe. Gut ist, nach dieser Theorie, was sich von jeher als nützlich bewiesen hat: damit darf es als »wertvoll im höchsten Grade«, als »wertvoll an sich« Geltung behaupten. Auch dieser Weg der Erklärung ist, wie gesagt, falsch, aber wenigstens ist die Erklärung selbst in sich vernünftig und psychologisch haltbar.
     

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