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Philosophie des Essens

Dieses Thema im Forum "Eigene Geschichten" wurde erstellt von Jocelyne Lopez, 26. September 2005.

  1. Jocelyne Lopez

    Jocelyne Lopez New Member

    Registriert seit:
    21. Juli 2005
    Beiträge:
    156
    Ort:
    Hamburg
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    Hallo zusammen!

    Ich habe mal in einem großen deutschen Philosophieforum (PhilTalk) eine kurze autobiographische Erzählung in einem Thread „Philosophie des Essens“ gestellt, aber sie war irgendwie ein bisschen “deplaziert“, da es dort auf mehrere Seiten ausschließlich um Austausch von Küchenrezepten ging… :rolleyes: Es gibt schon seltsame philosophischen Foren…

    Also ich stelle lieber diese Erzählung hier in diesem Forum, ist ja vielleicht besser geeignet.

    Meine „Philosophie des Essens“ wurde mir als Kind von katholischen Nonnen irgendwie beigebracht, da ich ca. ab mein 4. Lebensjahr in von Nonnen geführten Internaten groß geworden bin. Was mir in dieser Hinsicht sehr stark in Erinnerung geblieben ist sind nicht die Speisen, die wir dort bekommen haben, sondern ... die Gebete. Vor und nach jeder Mahlzeit haben wir kurz kleine Gebete gemeinsam gesungen, immer die 2-3 selben, und da wir eben öfter eine Mahlzeit zu uns nahmen, weiß ich diese Gebete bis heute noch auswendig, einschließlich die Melodie… :)

    Eins davon ging so (es war noch die Zeit, wo wir Gott gesiezt haben…):

    Bénissez-nous, Seigneur
    Bénissez ce repas
    Ceux qui l’ont préparé
    Et procurez du pain
    A ceux qui n’en ont pas
    Ainsi soit-il


    (gefolgt vom Krach von ein paar duzenden geschobenen Stühlen… )

    Also:

    Segnen Sie uns, Herr
    Segnen Sie diese Mahlzeit
    Und diejenige, die sie zubereitet haben
    Und geben Sie auch Brot
    Denjenigen, die keins haben
    Amen


    Vor allem der Vers „Segnen Sie diejenige, die sie zubereitet haben“ hat mich damals immer sehr stark beeindruckt, ich musste immer dabei an diejenige denken, die eben unsere Mahlzeiten zubereitet haben: Das waren „les soeurs de la cuisine“, die Küchennonnen. Wir kannten sie kaum, nur vom Namen, wir hatten mit den nichts zu tun, wir sahen sie nur sonntags in der Kapelle und eben jeden Tag vor den Mahlzeiten, als wir vor die Großküche zum Esssaal gingen. Es war irgendwie beeindruckend sie bei Hitze, Lärm und Dampf zu sehen, immer beschäftigt, immer in Bewegung, mit ihren schweren dunkelblauen Roben, ihren sperrigen weißen Nonnenhauben, wo sie ganz bestimmt schrecklich unter der Hitze leiden mussten, vor allem im Sommer, wenn schon draußen so unerträglich heiß war, sie waren immer rot im Gesicht. Um bequemer zu arbeiten haben sie ihre langen hölzernen Rosenkränze mit dem schweren Metallkruzifix an der Taille befestigt, ihre weiten Hauben und ihre breiten Ärmel mit Wäscheklammern zurückgebunden, sie waren immer rot im Gesicht, wir kannten sie kaum, wir sprachen sie nie an. Irgendwie taten sie mir leid, ich wäre nicht gerne an ihre Stelle gewesen.

    Seitdem haben sehr viele Menschen meine Mahlzeiten weiter zubereitet, Tausende von unbekannten Menschen. Ich kenne ihre Namen nicht, ich singe auch nicht mehr vor und nach den Mahlzeiten. Aber es ist mir bis heute noch unmöglich in einem Restaurant mich über eine Speise zu beschweren, auch wenn sie mir nicht besonders geschmeckt hat.

    Das war meine anerzogene Philosophie des Essens.

    Liebe Grüße
    Jocelyne Lopez
     
  2. Zeilinger

    Zeilinger Well-Known Member

    Registriert seit:
    22. Mai 2004
    Beiträge:
    16.480
    Ort:
    Wien
    Hallo Jocelyne Lopez !

    Ich finde, du solltest keine Hemmungen haben, eine Küche eines Restaurants zu kritisieren. Das hat mehrere Gründe.

    1. weiß ich keine Stelle in der Bibel, die dir gebietet, Köche oder Köchinnen zu vergöttern.

    2. werden die meisten Köche und Köchinnen in Restaurants kaum unter großer Hitze leiden bzw. einem unmenschlichen Kleidungszwang unterworfen sein.

    3. Muss das Essen in Restaurants ja bezahlt werden; dafür darf man dann auch eine Leistung erwarten.

    4. Gibt es viele Professionisten, die sich nicht für unfehlbar halten, lernbereit und froh sind, wenn man sie auf einen Fehler oder eine Unzulänglichkeit aufmerksam macht (eben damit sie sich verbessern können).

    5. Kannst du im positiven Falle ja auch ein Lob aussprechen.

    Liebe Grüße
    Zeili
     
  3. Jocelyne Lopez

    Jocelyne Lopez New Member

    Registriert seit:
    21. Juli 2005
    Beiträge:
    156
    Ort:
    Hamburg
    Hallo Zeilinger,

    Weiß ich auch selbst keine solche Stelle in der Bibel, aber ich lebe sowieso nicht nach der Bibel, ich bin Atheistin.
    Ich weiß aber nicht so recht, wie Du aus meiner kleinen Geschichte darauf kommst, dass ich Köche oder Köchinnen „vergöttere“ oder „vergöttert habe“… :dontknow:


    Nun, ich stelle mir das Arbeiten in einer Küche oder Großküche nicht besonders erholsam vor…


    Leistungen werden gebracht und werden bezahlt, und das ist in Ordnung so. Ich finde, das ist aber nicht alles: Ein Gedanken der Anerkennung und des Respekts für die Arbeit kann man nicht mit Geld zahlen. Ich glaube, das war eben der Sinn, den man uns als Kind mit dem Vers „und segne auch diejenige, die sie zubereitet haben“ vermitteln wollte.


    Wenn uns eine Speise nicht besonders schmeckt, ist es nicht unbedingt ein „Fehler“ des Koches, oder? Es gibt wohl so viele Art und Weise eine Speise zuzubereiten wie es Köche gibt. Außerdem kann ich selber nicht kochen und fühle mich völlig unqualifiziert einen Koch zu kritisieren und auf seine vermeintlichen „Unzulänglichkeiten“ aufmerksam zu machen, er kann das auf jeden Fall besser als ich ;).

    Liebe Grüße
    Jocelyne Lopez
     
  4. Munro

    Munro Active Member

    Registriert seit:
    2. Januar 2014
    Beiträge:
    463
    Aber hier ist doch keine Rede davon, sie zu vergöttern.
    Es geht nur darum, ihnen zu danken.
     

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