1. Willkommen im denk-Forum für Politik, Philosophie und Kunst!
    Hier findest Du alles zum aktuellen Politikgeschehen, Diskussionen über philosophische Fragen und Kunst
    Registriere Dich kostenlos, dann kannst du eigene Themen verfassen und siehst wesentlich weniger Werbung
In 'Diskursive Reflektionen' geht es für mich, um jeweils momentane Aussagen. Letztere beziehen sich darauf, das, was ich beobachte, immer wieder aufs neue zu beobachten und immer wieder aufs neue darüber nachzudenken. Dabei übersehe ich immer wieder etwas und stehe dann in der Gefahr nicht zutreffende Schlussfolgerungen zu ziehen. Deshalb wäre es sinnvoll, wenn andere in meinem Blog die von ihnen beobachteten Aspekte einer Sache bzw. eines Sachverhaltes als Kommentar hinzufügten. So könnte etwas Gemeinsames entstehen. Diese Art des Austausches von Beobachtetem im Zusammenhang mit den davon verschiedenen je eigenen Schlussfolgerungen ist für mich diskursiv.
Color
Background color
Background image
Border Color
Font Type
Font Size
  1. Menschen unseres Kulturkreises wird seit Jahrhunderten erzählt, man könne Gewissheit finden, wenn auch nicht gleich. Man müsse nur denen glauben, die schon näher dran sind und von daher den Anfängern in Sachen Gewissheit mit Rat und Tat zur Seite stehen können.

    Irgendwann einmal - nach langen Dienstjahren - steht dann der Gewissheit Suchende neben jenen, die bisher vor ihm hergingen und - wenn seine Augen vom vielen Weinen um die eigene Unzulänglichkeit nicht schon längst schwachsichtig und sogar blind geworden sind - dann staunt er und glaubt schon mal wieder nicht seinen Augen trauen zu können. Neben ihm stehen Weise, die weise Worte fallen lassen und vor ihnen ist alles schwarz. Wenn er näher geht, scheint das Schwarze zurückzuweichen. Einer von den Weisen zwinkert ihm zu und meint: "Nicht weitersagen..." Wenn er sich noch ein Stück Lebensklugheit bewahrt hat, wird sich der Gewissheit Suchende diesen Lapsus selbst an den Hut stecken und von dannen ziehen. Doch nicht vergessen wird er die letzte Handlung, die die Weisen grade begannen auszuführen, als er sich abwendete: Einer von ihnen teilte kleine weiße Zettelchen aus, auf die jeder eine Antwort auf die Frage WAS IST WAHRHEIT schreiben sollte. Die Antworten sollten ruhig rätselhaft sein, um den Gläubigen draußen Anlass genug zum Nachdenken geben zu können. Die schon vorhandenen Rätselantworten waren etwas aus der Mode gekommen oder schon zu bekannt.

    In der Gewissheit einem ungewissen, betrügerischen Unternehmen entkommen zu sein, lächelte er in sich hinein und meinte zu Hause zu seiner Frau: "Wahrheitssucher sind Rätselfreunde!"
  2. Seit Beginn der neuzeitlichen Philosophie mit Descartes geht "Die Philosophie" von einer ganz bestimmten Auffassung aus. Sie behauptet, dass der Mensch aus Körper und Geist/Seele besteht. Der Geist/Seele, insbesondere das Bewusstsein erkennt Welt, sich selbst und Gott/Wahrheit. Die Erkenntnis folgt dabei Strukturen des Bewusstseins bzw. des Geistes, die gegeben sind. Auf diese Art wird sicher gestellt, dass unser Erkennen zuverlässiges "Wissen" liefert, denn das was unser Bewusstsein erkennt, entspricht - beim 'richtigen' Gebrauch der geistigen Strukturen - dem Erkannten. Erkanntes ist daher als 'Repräsentation' der Wirklichkeit aufzufassen.

    Diese Auffassung wird seit vielen Jahrzehnten schon durch naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse in Biologie und Neurophysiologie in Frage gestellt, bzw. als nicht zutreffend abgelehnt.

    Umberto Maturana - dessen Ergebnisse und Schlussfolgerungen ich diesem Forum gerne etwas näher bringen möchte - lehnt dieses Verständnis von Erkennen ab, weil seine Forschungsergebnisse dazu nicht passen. Er kommt zu dem Schluss, dass 'Erkennen' ein "andauerndes Hervorbringen einer Welt durch den Prozess des Lebens selbst" sei. (vgl. Der Baum der Erkenntnis, S. 7)

    Wie kommt er dazu?
    Die biologische Tradition versteht Leben in der Regel aus den Beziehungen eines Lebewesens zur Umwelt. Dazu passte die 'Repräsentationstheorie'.
    Vor allem neurophysiologische Forschungen ergaben für Maturana aber, dass ausschließlich die strukturellen Prozesse innerhalb eines Organismus, innerhalb einer Zelle 'Leben' immer wieder neu schaffen.

    Die Beobachtung, Leben als einen sich immer wieder selbst generierenden Prozess aufzufassen, nannte er 'Autopoiese' .

    D.h., eine Zelle bspw. reagiert auf Reize nicht "reizverarbeitend" und "reizweiterleitend", sondern sie reagiert innerhalb der Parameter ihrer eigenen Struktur, d.h. auf die ihr eigene Weise auf das, was sie da irgendwie tangiert. Maturana spricht deshalb auch nicht mehr von einer ursächlichen Beeinflussung eines Organismus' durch Umweltreize, sondern er spricht von Pertubationen. Damit werden Zustandsveränderungen in einem System bezeichnet, die durch dessen Umfeld ausgelöst werden. Reize sind also Auslöser und keine Verursacher bestimmter Veränderungen innerhalb eines lebenden Systems. "Welche neuronalen Aktivitäten durch welche Perturbationen ausgelöst werden, ist allein durch die individuelle Struktur jeder Person und nicht durch die Eigenschaften des perturbierenden Agens bestimmt." (Baum, S.27)

    Objektivität ade, kann man sagen. Descartes Behauptung, unser Bewusstsein repräsentiere Objektivität ist damit zumindest fragwürdig. Mal abgesehen davon, was Bewusstsein überhaupt sein soll.

    Für die 'philosophischen Grundlagen' des Lebens - ich mache jetzt einen großen Sprung - scheinen mir derartige Ergebnisse von basaler Wichtigkeit. Maturana hat im Laufe seiner Forschungen gemerkt, dass er Weltbilder aushebelt. Denn wenn das so ist, wie er glaubt beobachtet zu haben, dann hatte wohl Protagoras - von der traditionellen Philosophie geschmäht - schon vor zweieinhalb Jahrtausenden den Nagel philosophisch auf den Kopf getroffen, als er meinte:

    "Der Mensch ist das Maß aller Dinge. Sie sind für mich so, wie sie mir erscheinen und für dich so, wie sie dir erscheinen."

    Wer meinem Beitrag nachspüren möchte, dem empfehle ich den "Baum der Erkenntnis" von Umberto Maturana. 1991 beim Scherzverlag (Bern/München) als Paperback erschienen. Es enthält neben Experimentbeschreibungen und seinen Schlussfolgerungen eine Reihe von Experimenten, die man schon beim Lesen ausprobieren kann, was ich hilfreich fand.
  3. "Feuer" im Kopf?

    Vor kurzem sprach ich mit einem Physiker, der sich mit Neuronen und Synapsen auskennt und fragte ihn, welchen Beitrag die Neuronen- bzw. Synapsenforschung für die Antwort auf die Frage "Wie lernt ein Mensch?" leisten kann. U.a. kamen wir darauf, ob die Neurobiologische Forschung denn schon in der Lage sei, beobachtbare Funktionen einzelnen bestimmten Synapsen und Neuronen zuzuordnen. Etwas einfacher formuliert: Ist die Neurobiologie in der Lage festzustellen, welche Inhalte verschiedenen Gehirnprozessen zuzuordnen seien. Nein, meinte er. Man könne lediglich Quantität und Stärke der "feuernden Neuronen" messen. Es ist feststellbar, dass etwas passiert, wenn wir die Versuchsperson bestimmte Aufgaben erledigen lassen. Das, was die Forscher dann vor sich haben, sind sogenannte Ableitungen, wie bspw. die von den bekannten "Spiegelneuronen", die sich messtechnisch in einem Diagramm darstellen.

    Durch das Einführen von Elektroden kann man bei Tieren - ohne dabei gegen ethische Prinzipien zu verstoßen - sogar die Aktivität einzelner Neuronen 'ableiten' und 'messtechnisch sichtbar' machen. Dies ist beim Menschen in der Regel nicht möglich, weil da die Ethikkommision das Verfahren 'Löcher in den Kopf bohren' mitmacht. Es lässt sich mit Messgeräten darstellen, dass und in welcher Stärke etwas passiert, wenn bestimmte Aktivitäten ablaufen. Und bei Tieren lässt sich dies wohl auch für einzelne Neuronen messen, wobei dabei immer davon auszugehen ist, dass kein Neuron alleine aktiv ist. Sondern ein ganzer Verbund von Neuronen und Synapsen. Jedes Neuron ist mit bis zu 1000 Synapsen mit anderen verbunden. Die Spiegelneurone sind bislang bezogen auf den Menschen nichts weiter als Schlussfolgerungen aus den oben abgebildeten Ableitungen, die durch Beobachtungen untermauert werden, die auf Spiegelphänomene des menschlichen Gehirns schließen lassen.

    Diese Diagramme und der Versuchsaufbau selbst, sind die Beobachtungen, die vorliegen. Sie werden selten wirklich genau beschrieben. Beschrieben werden dagegen sehr ausführlich und mit zahlreichen Behauptungen versehene Schlussfolgerungen, die ganze Bücher füllen. Alles zusammen wird als 'wissenschaftliche Erkenntnis' angeboten und verbreitet. Neben den behaupteten Spiegelneuronen - die erst einmal nichts anderes als ganz normale Neuronen sind, die sich nicht von anderen unterscheiden - wird dann ein ganzes 'Spiegelneuronensystem' behauptet, dessen Abkürzung SNS jedem Unerfahrenen 'Wissen' suggeriert. Laien schließen dann aus diesem SNS flugs auf eine Art neues Sinnesorgan, was vollständig zudeckt, dass die Ergebnisse der Versuche Funktionen und nicht morphematisch eindeutig identifizierbare Dinge beschreiben. Besonnerere Autoren sprechen darum angesichts der überraschenden Phänomene beim Makakenexperiment auch lieber von einer Doppelfunktion der Neuronen eines bestimmten Gehirnareals. Als Grundlage zum 'philosophieren' sind derartige 'Erkenntnisse' - ziemlich untauglich, weil auch infolge der Wortschöpfungen und Bezeichnungswillkür zu viele unzutreffende Vorstellungen impliziert sind.

    Mein Fazit: Spiegelphänomene scheint es zu geben und es gibt auch neurobiologische Daten, die eine 'spiegelnde' Funktion neuronaler Prozesse nahelegen. Dabei ist noch überhaupt nicht klar, welche neuronalen Prozesse "spiegeln" meint. Von 'Wissen' kann hier keinesfalls die Rede sein - sofern 'wissen' überhaupt möglich ist. Schlussfolgerungen aus einem derart mageren Sachverhalt sollten nüchtern und dicht am Beobachtbaren bleiben, wenn 'wissenschaftlich' noch eines ihrer Merkmale sein soll.
  4. Metaphysische bzw. transzendente 'Wahrheit'

    scheint niemand zu kennen. Diejenigen, die behaupten, sie zu kennen, können sie nicht so beschreiben, dass man sich darunter etwas vorstellen kann.

    In der Regel wird 'Wahrheit' mit einem anderen Begriff versucht zu erklären, bzw. zu definieren, der wiederum klärungsbedürftig ist.
    z.B. 'Wahrheit' ist 'Wirklichkeit'. Oder komplexere Aussagen wie: 'Wahrheit' ist "Übereinstimmung des urteilenden Denkens und der Sache" (Thomas von Aquin) oder es werden vor allem bei mystischen 'Wahrheitsfindungen' Vergleiche mit sinnlichen Erfahrungen gebraucht. Wie z.B. bei Augustinus "Wahrheit erleuchtet mich wie das Licht der Sonne die Augen".

    Schließlich wird der Fragende auch auf einen bestimmten Weg zur 'Wahrheit' verwiesen, dem er nur zu folgen brauche, um 'Wahrheit' zu finden. Der Nachteil dieser Methode: Es werden weiter nichts als subjektive Ergebnisse von 'Wahrheit' erreicht.

    'Wahrheit' scheint also zu jenen Denkfiguren zu gehören, die nicht nennbar sind. Demnach könnte man 'Wahrheit' zu den 'Unwörtern' zählen, da es nichts bezeichnet, das gemeinsam zu betrachten wäre. Dennoch wurde die 'Wahrheit' für die Philosophie zum Leitstern und Ziel. Die Naturwissenschaften schlossen sich an.

    Noch heute geistert 'Wahrheit' selbst durch scheinbar aufgeklärte Köpfe. So hält selbst Popper eine Annäherung an die 'Wahrheit' für möglich. 'Wahrheit' scheint alle Kriterien von 'Mythos' zu erfüllen. Jeder kann damit ausdrücken, was er will, ihn ausschmücken wie er will und sich dabei denken, was er will.

    Ich trete dafür ein, innerhalb des Philosophierens das Wort 'Wahrheit' aufzugeben, weil sein Inhalt unbekannt ist. Ebenso den Terminus 'wahr'. Dieser Verzicht erspart uns, über etwas, das wir nicht kennen, uns rechthaberisch zu streiten.
  1. Diese Seite verwendet Cookies. Wenn du dich weiterhin auf dieser Seite aufhältst, akzeptierst du unseren Einsatz von Cookies.
    Information ausblenden