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Auf der Flucht

Dieses Thema im Forum "Eigene Gedichte" wurde erstellt von denk-mal, 18. Juni 2020.

  1. denk-mal

    denk-mal Well-Known Member

    Registriert seit:
    22. Mai 2015
    Beiträge:
    11.769
    Ort:
    Schwarzwald
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    Vom Bürgerkrieg vertrieben.

    Woher kommst du, o armer Junge?
    Ich kroch aus eingestürzten Trümmern
    und entfloh vor dem verzehrenden Feuer.
    Ich rettete mich vor den fallenden Bomben
    und fand halbwegs Schutz unter einer Brücke.

    Und es war ein schweres und grell donnerndes
    Feuerregengewitter, das über uns herabgefallen ist.

    Was hast Du alles gesehen, mein Junge?
    Ich sah Flugzeuge mit tödlicher Fracht.
    Ich sah lichterloh brennende Ruinen.
    Ich sah die brandverkohlten Körper
    und Brennende die sich wälzten.

    Ich sah Soldaten, die auf alles schossen.
    Ich sah aus den Körpern Blut spritzen.
    Ich sah Abschlächter mit Macheten.
    Ich sah die abgetrennten Glieder
    und die Straßen gefärbt mit Blut.

    Und ich sah einen taufenden Blutregen
    der warm über uns herabgefallen ist.

    Wohin bist du gelaufen Junge?
    Ich lief zum Fluss, er strömte blutrot
    und er schwemmte grauenhaft
    entstellte, grüne Leichen an.
    Ich wollte auf die rettenden Gipfel,
    doch der Tod lauerte in den Bergen.
    Ich fand ein stinkender Leichenacker
    und herumschwirrende Fleischhacker
    die gierig am Ausweiden waren.

    Ich suchte die schützenden Wälder,
    doch sie brannten Ruß geschwärzt
    und an Ästen hing gebratenes Fleisch.
    Ich wollte laufen auf sicherer Straße,
    aber sie war eine verminte Todesfalle
    und überall lagen verstreut Fleisch
    und zerstückelte Knochenteile.
    Ich schlich durch stinkende Leichen Felder,
    und überall lauerten noch Heckenschützen.
    Manche Leichen hatten verrottet blutige
    Verbände, oder aufgeschlitzte Kleider,
    aus denen die Gedärme hervorlugten.

    Wer ist dir begegnet, flüchtender Junge?
    Ich traf Kinder an, die neben ihren toten
    Eltern Platz nahmen und bitterlich weinten.
    Ich begegnete hasserfüllten Verwundeten.
    Ich traf auf Sterbende, die ein friedliches
    und liebes Lächeln auf den Lippen hatten.
    Ich begegnete Menschen die ihr Vermögen
    und Hab & Gut gegen Tickets eintauschten.

    Ich begegnete flüchtenden Bürgern mit
    leeren Händen und Lumpen am Körper.
    Ich begegnete herrenlosen Nutztieren,
    die mit Glocken am Hals herumirrten.
    Ich begegnete streunenden Hunden
    die menschlichen Kadaver fraßen.

    Und was hast Du gehört, flüchtender Junge?
    Ich hörte von Ländern, die uns Schutz geben.
    Ich hörte, dass es viele Flüchtlingswellen gibt.
    Ich hörte, dass gelobte Land gibt uns Nahrung,
    eine Wohnstätte und medizinische Versorgung.
    Ich hörte, für die rettenden Überfahrten müssen,
    „für den Fährmann“ Wucherpreise bezahlt werden.
    Ich hörte, dass nicht alle das gelobte Land erreichen.
    Ich hörte, im neuen Land seien die Fußwege gekachelt
    und das in den Wohnungen warm fließendes Wasser gibt.

    Und wie bist du angekommen, flüchtender Junge?
    Ich entkam meinen Häschern, den Kugeln und ich
    gab den Helfern alles, was ich noch bei mir hatte.
    Ich durchquerte nur mit einem Schlauchboot
    das tödliche, aber dennoch rettende Meer.
    Ich folgte den Spuren meiner Leidesbrüder.
    Ich wurde von wohltätigen Menschen
    versorgt, gekleidet und gespeist.

    Am Bahnhof wurde ich klatschend bejubelt.
    Ein Kind schenke mir einen bunten Regenbogen.
    Eine Frau gab mir ein Tier aus Fell und Knopfaugen.
    Fröhliche Menschen klopften mir auf die Schulter.
    Manche hatte vor Glück Tränen in den Augen.
    Ich bekam eine Unterkunft mit allem Komfort.
    Man gab mir Geld und eine Menge Formulare.
    Man fragte mich aus und ich wurde registriert.
    Behördengänge bestimmen meinen Tagesablauf.
    Man gewährte mir einen subsidiären Schutzstatus.

    Und was denkst du, flüchtender Junge?
    Ich denke es gibt viel Neid und Missgunst.
    Ich denke die Hilfsbereitschaft ist gesunken.
    Ich denke viele mögen keine Flüchtlinge haben.
    Ich denke es gibt viele Arme und Unzufriedene.
    Ich denke sie halten uns für gemeine Kriminelle.
    Ich denke es gibt viele Korrupte und Bereicherer.
    Ich denke es gibt zu viele bösartige Ungläubige.
    Ich denke es gib zahlreiche unkeusche Frauen.
    Ich denke, dass ich zurück in meine Heimat gehe.

    Cat Stevens - "Blackness Of The Night" und
    Bob Dylans "A Hard Rain's A Gonna Fall"
    hatten mich zu diesen Gedanken inspiriert.



     

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